Falk Haberkorn/ Sven Johne: “The Brocken is a German”
Drei Tableaus mit insgesamt 179 Farbfotografien im Format von 10 x 15 cm, jeweils versehen mit geografischen Koordinaten, Uhrzeit sowie den Bezeichnungen der begangenen Wege
3 Archival Pigment Prints, je 144,0 x 194,5 cm, 2010
Am frühen Morgen des 17. Juni 2010 – in Westdeutschland von 1954 bis 1990 als Tag der deutschen Einheit Nationalfeiertag – verließen Haberkorn und Johne um 4:30 Uhr das Hotel auf dem Gipfel des Brocken. Ihr Ziel war es, in der Zeit zwischen Morgen- und Abenddämmerung den Berg dreimal auf derselben Strecke von Westen her zu umrunden, um den Blick vom Gipfel zu verschiedenen Tageszeiten genießen zu können. Bei Einbruch der Nacht hatten sie insgesamt 50 Kilometer zurückgelegt und mehr als 2000 Höhenmeter überwunden.
Fotografisch hält Haberkorn seinen Kollegen Johne im Tagesverlauf an immer denselben wiederkehrenden Orten fest. Die Figur Johnes nimmt dabei deutliche Anleihen beim romantischen Stereotyp des „einsamen Wanderers“. Aufgrund der heimlich-unheimlichen Präsenz der Kamera (und mit ihr des unsichtbaren Fotografen), die der Protagonist immer im Rücken hat, wird dieses Stereotyp aber buchstäblich unterlaufen. So könnte der Wanderer alles mögliche sein: sorgloser Taugenichts, Verfolgter, Vorgeführter oder Getriebener, mythologisierter Held oder Grenzgänger. Tatsächlich handelt es sich nicht nur im historisch-geografischen Sinne um eine Grenzerfahrung – Teile des Weges verlaufen auf der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze –; die beiden Künstler setzen sich auch einer absurd anmutenden Unternehmung aus, einem strapaziösen Ritual, bei dem das Gehen ein und desselben Weges immer wieder neue Erfahrungen produziert. Die historisch-politische Verortung dieses sonderbaren Rituals erfolgt dabei über etwas der Sache ganz Äußerliches: die GPS-Positionierung, die um so überflüssiger erscheint, als die begangenen Wege und Straßen jedermann leicht zugänglich sind – hier kann sich beim besten Willen niemand mehr verirren. Die solchermaßen die Bilder exakt verortenden Koordinaten fungieren als Legende in doppelter Hinsicht, denn sie verdecken und verweisen zugleich auf die nationale Legendenbildung, die mit dem sagenumwobenen Berg besonders eng verbunden ist. Die verhaltene Ironie der Arbeit liegt in einer bitteren Ironie der Geschichte: Dass der Brocken als der „Deutsche Berg“ bzw. als „Berg der Deutschen“ im nationalen Seelenhaushalt einen so prominenten Platz einnehmen konnte, ist nicht zuletzt dem von den Nationalsozialisten aus dem kulturellen Gedächtnis gewaltsam getilgten Heinrich Heine zu verdanken. Seine in der Harzreise von 1826 – keineswegs nur ironisch gemeinte – Diagnose „Der Brocken ist ein Deutscher“ war historisches Initial für die Herausbildung einer jener nationalen Identifikationsfiguren, an denen das deutsche Wesen verschiedentlich zu genesen versuchte.